EMIL


 

 

Emil – oder: Auf den Hund gekommen

 

10.11.2013, Sonntag, 12:30 Uhr, die Frisur sitzt – Familie auch und zwar im Auto. Teilnehmer der denkwürdigen Aktion: Mama, Papa (Berichtender), Tochter und Schwiegersohn.

Ziel: Irgendwo im Sauerland

 

Vorspiel:

Der Gedanke war, im mittlerweile durch das Fehlen flügger gewordener Kinder dem zu ruhigen Haushalt etwas Leben einzuhauchen - mittels eines domestizierten Nachfahrens des Canis lupo. Kurz gesagt: Es sollte zeitnah ein Hund angeschafft werden.

Bei der haushaltsüblichen Recherche (google) fiel ein Hundezüchter aus dem Sauerland ins Auge, bzw. dessen Welpen-Bilder. („Oh, wie süüüß!“) Ein Telefonat des angeblichen Haushaltsvorstandes (ich) fiel positiv aus und man verabredete ein zwangloses Zusammentreffen am 10.11.2013 um 14:00 Uhr, zwecks Informationsaufnahme, usw. – in den nächsten Wochen wären Welpen abgabefertig und warteten begierig darauf, im neuen Zuhause, Schuhe, Schnürsenkel, Tapeten, Sofas und sonstige belanglose Alltagsgegenstände zu zerfleddern.

Ich wollte einen Hund aus dem Tierheim.

 

Die Fahrt:

Was soll man dazu sagen. Es gibt sicherlich aufregendere Gegenden, als das Sauerland fast Mitte November bei nebeligem Nieselwetter am Sonntag und ca. 5 Grad plus. Die Bilder von >>Apocalypse Now<< zogen an meinem geistigen Auge vorbei, wobei ich mich bemühte, dass Ende der Welt zu erkennen. Nicht auszudenken, wenn ich den Wagen von der Scheibe steuern würde! Vom Beifahrersitz summte der Angeheiratete leise das Lied vom Tod.

Dann waren wir da.

Ideal, ein altes Bauernhaus mitten in der Einöde. Aus 200 Metern Entfernung waren schon die Wolfsabkömmlinge unzweifelhaft zu erkennen.

Dann hielten wir vor dem Tor.

Nun – eine Klingel brauchten die Leute nicht. Die Anmeldung erfolgte unverzüglich und lautstark durch diverse Elterntiere.

Dazu gesagt: Die Zwinger waren blitzsauber, jedoch die Tiere! Versuche man mal ein weißes oder beiges Tier, mit einem artgerechten und großzügigen Auslauf bestehend aus halb Acker halb Wiese sauber zu halten. Hundebesitzer wissen sofort, worauf ich hinaus will. Die Hunde waren gesund, munter und dreckig. Aber wir wollten ja auch einen Neuen.

Der von der Alternativklingel informierte hieß Heinz und uns willkommen, vergeudete keine Zeit, führte uns herum und wusste zu jedem Tier etwas Interessantes zu erzählen.

Wo waren die Welpen?

Nach gefrorenen 35 Minuten (draußen) wurden wir ins Allerheiligste geführt – dem Welpenzimmer – bitte nix und vor allem keinen Hund anfassen, auch wenn´s schwer fällt!

Natürlich mit ein paar anderen Interessenten.

„Oh, sind die süüüß“, war dann auch der Spruch, den ich häufiger hörte. Heinz beschloss die Chefin des Hauses, welche die vergangene Nacht als Welpenhebamme zugebracht hatte, zu wecken.

Dann stand sie in der Tür.

Zugegeben, eine Ehrfurcht gebietende Gestalt, ein Mix aus Hella von Sinnen und Michelle Hunzicker, also Frau Sinnzicker, wenn wir innerhalb der Nomenklatur der Rassen bleiben wollen. Die durchaus sympathische Hundeübermama beherrschte sogleich alles – Interessenten und Raum. Wortreich klärte sie uns auf hinsichtlich des Alters, Impfungen, Chipungen und dergleichen. Und dann, nach gefühlten zwei Stunden, tatsächlich waren es nur fünf, Minuten natürlich, zeigte sie uns die tatsächlich noch in einer und in zwei Wochen abzugebenden Hundemädchen – beide weiß, eine lockig, die andere glatt.

Ich merkte wie die, naja, der von mir verehrte Schriftsteller Ephraim Kishon hätte gesagt, die beste Ehefrau von allen, aber soweit wie der alte Schleimer wollte ich nicht gehen, also die beste Frau des Universums bekam leichte Gewissensnöte. Die Entscheidung fiel tatsächlich schwer, weil beide – „oh sind die …, aber das hörten wir schon.

Dann sprach Frau Sinnzicker jenen folgenschweren Satz: „Nebenan haben wir noch einen kleinen Pflegefall.“ Vorgestern verkauft und trotz Allergietest hatte die sechsjährige Hundebesitzerin negativ reagiert und unter Tränen .., nun ja, der Kleine säße eben nebenan seit gestern hatte man ihn wieder zurück bringen müssen und er stünde nun erst einmal unter Beobachtung. Es sei ein Rüde und cognacfarben. Nun, Rüde wollte ich sowieso und Cognac mag ich auch – wo er denn bitte sei und man ihn sehen könne – selbstverständlich und sogleich. Frau Sinnzicker führte uns durch ihre echt sehenswerte Wohnung, in der natürlich die hauseigenen Vierbeiner das Sofa besetzten, in einen Nebenraum – und da saß er: Emil, mutterseelenallein auf Streu in einem kleinen aber warmen Gehege. Wie ein Welpe eben so sitzt, auf dem Boden, leicht abgewandt, den Kopf nach oben gerichtet und in Richtung der besten Frau des Universums gedreht.

Ich meine es gehört zu haben – zumindest habe ich es körperlich gespürt: Die Synapsen im Hirn meiner Frau fanden völlig andere Wege. Die Verbindungen zum Logiksektor, falls er bei der weiblichen Weltbevölkerung überhaupt vorhanden ist, wurden vollständig gekappt, dafür wurden andere, wie etwa beim Schuhkauf, die da hießen >>haben wollen<< in Konjunktion mit >>sofort<< genutzt.

Meine zugegeben halbherzige Ablenkungsoffensive, ich fragte nach dem Preis, hatte eine Halbwertzeit von nicht mal drei Sekunden. Frau Sinnzicker schmiss eine Zahl in den ansonsten kahlen Raum, der mich zur Schnappatmung animierte. Um meine strapazierte Gesundheit und meine entgleisten Gesichtszüge wieder halbwegs ins Lot zu bringen, reduzierte die Hundemama als Erste-Hilfe-Maßnahme um nicht nennenswerte 10%.

Ein fragender Blick zu unserem hundeerfahrenen Schwiegersohn brachte folgenden hilfreichen Satz: „Ein feines Tier!“ (Warum hatte ich den denn mitgenommen? Frage beantwortet sich später)

Wir erbaten uns ein privates Gespräch, welches Frau Hundemama gewährte und sich derweil mit anderen Interessenten unterhielt.

Die Diskussion zwischen der besten Ehefrau des Universums und mir war denkbar knapp. „Entweder den hier oder einen aus dem Tierheim“, brachte ich nochmal meine soziale Einstellung (zum Tier und zum Geldbeutel) zu Gehör.

Meine Frau sagte nur ein Wort: „Emil!“

Gefühlte drei Stunden später war Frau Sinnzicker mit den übrigen zukünftigen Hundewirten fertig.

„Den nehmen wir!“

Nun hatten wir das Problem, nicht sofort auf einen vierbeinigen Hausgenossen eingerichtet zu sein und finanziell schon gar nicht.

„Voll bezahlen und mitnehmen, oder anzahlen und nächste Woche holen“, waren die resoluten Worte der Züchterin. Also fuhren ich und meine Frau ins nächste Dorf, wo nach Aussage vertrauenswürdiger Personen so etwas wie eine Sparkasse existieren sollte. Die restliche Familie ließen wir zurück mit dem Auftrag, Emil gegen den Rest der Welt zu verteidigen – koste es, was es wolle.

Auf der Hinfahrt murmelte meine Frau neben mir immer wieder wie ein Mantra: „Wir kriegen das zusammen, wir kriegen das zusammen, wir …“

Ich trat das Gaspedal durch.

Wir bekamen es zusammen, bis auf eine lächerlich kleine Summe und nun kam bei der zweiten Fahrt zur gleichen Kasse der Angeheiratete ins Spiel, bzw. dessen Checkkarte.

Als Retter in der Not, warf er seinen Beitrag zur Vergrößerung des Familienclans in den rasch aufgestellten Hut, aus dem Emil freigekauft wurde.

Der eigentliche Verkaufsakt war durchaus eine Nummer, mit der man hätte auftreten können. Frau Sinnzicker thronte hinter einem mit Tand beladenem Wohnzimmertisch und dirigierte diesen Akt wie eine Dompteuse. Meine Frau legte die mühsam zusammengekratzte Kohle auf den Tisch und gab dann an, die Geldbörse wegstecken zu wollen. Der folgende Satz von Frau Sinnzicker geht mir nicht mehr aus dem Kopf: „Ne, ne Schätzeken, lass das mal noch liegen – du hast noch nicht alles oder willste ohne Geschirr los?“ Man hielt uns einen Pappkarton mit ca. 30 verschiedenen Welpenfestbindern unter die Nase. Wir wählen das billigste aus, schließlich war der Hund kein Schnäppchen.

Dann wurde der Akt des Verkaufes weiter zelebriert. Heinz stand in der Tür und wartete auf Anweisungen.

„Heinz! Nu hol den Leuten mal ein bisschen Trockenfutter!“

Heinz, etwas kurzatmig, wie wir mit schlechtem Gewissen registrierten, machte sich auf, das Gewünschte zu holen.

Heinz kehrte mit einem Plastikbeutel voll Hundewelpentrockennahrung zurück.

„Undimdezembermussergeimpftwerdenallesaußer- tollwut!“

„Heinz! Nu hol den Leuten mal ein bisschen Streu!“

Heinz, noch kurzatmiger, warf mir einen mitleidheischenden Blick zu. Ich senkte mein Haupt und flüsterte: „Ich kenn das.“

„Nächstensamstagmusserentwurmtwerdenambesten- sowasvontierarztholenundeingeben.“

Heinz schleppte den nächsten Beutel an.

„Undhieristdietassobescheinigungmüsstihrabschicken- istdann- registriert!“

„Heinz! Zeig den Leuten mal eine Transportbox, aber eine richtige!“

Heinz resignierte und durchquerte mit uns die gesamte Wohnung und zog aus einem Abstellraum eine entsprechende Faltbox heraus.

„Habbichnichmehrindergrößesonsthätteicheuchauch- nochsondingverkauft.“

Mit Blick auf den Geldbeutel dachte ich, für den Kurzen reicht erst mal ein großer Pappkarton.

  

So kamen wir zu Emil, der die gesamte Rückfahrt in sein neues Zuhause auf der Brust der besten Frau des Universums verschlief – beneidenswert.

 

Wir danken der Züchterfamilie für die herzliche Aufnahme, die gute Beratung und das wirklich tolle Kerlchen.

 

 

Für Interessierte:

Emil ist ein F1 Mix, dass heißt, eine Züchtung aus einem reinrassigen Golden Retriever und einem reinrassigem Zwergpudel.



Er ist ein Mini-Goldendoodle

 

Wenn man mich per Mail anschreibt, gebe ich die Adresse des Züchters gerne weiter.

 

Fußball: Rot-Weiß-Essen


 

Geschehen am 27.08.2013:

 

Ich gestehe es – ich oute mich, manchmal bin ich Fußball-Fan. Nein, nicht die großen Vereine, nee, in Anlehnung an meine Geburtsstadt: Rot Weiß Essen. Spielen die in der fünften oder in der vierten Liga?  – Ich weiß es nicht. Ist mir auch schnuppe und ich halte es mit dem Banner im heimischen Georg-Melches-Stadion: >>Wahre Liebe kennt keine Liga<<

Was mich immer wieder fasziniert, sind knapp 10.000 Zuschauer beim Heimspiel (mindestens)und der unverwechselbare Kohlenpott Slang.

Am 27.08.2013 spielte RWE hier im Wiedenbrücker Stadion. Mein Kumpel Wolfgang und ich hin. Das Stadion, was vielleicht 2.000 Personen fassen könnte, war mit knapp 1.600 nahezu rappelvoll. Davon nicht weniger als etwa 1.300 angereiste Fans aus Essen, die mitten in der Woche nichts Besseres vorhatten, als mal eben so rund 200 Kilometer zu fahren, um im rot-weißen Outfit ihren Verein zum nächsten Sieg zu schreien. Polizei so weit das Auge reichte – offensichtlich ein Risikospiel. Selbst auf der Sitztribüne waren Polizisten – in zivil. Wenn sie Uniform getragen hätten, wären sie weniger auffällig gewesen. Die Typen sehen in zivil alle gleich aus. Vorweg: Es blieb absolut friedlich.

Die Organisatoren dachten mit einem vier Meter breiten Imbisswagen, Fritten, Bratwurst und Bier in Personalunion, dem Ansturm gerecht werden zu können. Nachdem ich die Schlange der Hungrigen und Durstigen vor dem Spiel dort sah, fasste ich spontan den Entschluss, während des Spiels lebensnotwendige Mittel in Form von Bier und Bratwurst zu besorgen. Wolfgang nickte, ein weiser Entschluss.

Bevor das Spiel begann, fiel mir ein Banner auf, offensichtlich von den Essenern entrollt mit der Aufschrift: >>Ich danke sie!<< Ah, dachte ich, sicherlich in Anlehnung an den legendären Spruch von Essens größtem Fußballgott: Willi (Ente) Lippens vor gut vier Jahrzehnten. (Die spielten tatsächlich mal in der Bundesliga!) Nach einem Foul kam der Schiri auf Lippens zugeeilt, reckte den rechten Arm mit einer gelben Karte nach oben und verblüffte den Fußballer mit dem Spruch: „Ich verwarne ihnen!“ Der Verdutzte entgegnete eben diesen Spruch: „Ich danke sie!“ Daraufhin flog Willi vom Platz.

Etwa 30 Minuten nach dem Spielbeginn wollte Wolfgang eine Bratwurst und ich ein Bier. Also verließ ich die Tribüne und suchte vorher erwähnten Imbissstand auf. Erfreut nahm ich zur Kenntnis, dass lediglich ein Dutzend Leute dem Spiel fern blieben, um sich mit Bier oder so zu versorgen. Ich stellte mich an und bald stand ich auch vorne. Zum Verständnis: Die weibliche Bedienung war bereits in Ehren ergraut und nicht mehr die Schnellste – genau wie ihre beiden männlichen Kollegen. Der eine zapfte was das Zeug hielt und der andere hatte bestimmt am nächsten Tag vom Würstchendrehen eine Sehnenscheidenentzündung. Das Nadelöhr bei der Versorgung war ganz klar sie. Bevor ich meinem Wunsch nach einer Bratwurst und einem Bier Ausdruck verleihen konnte, tönte es von weiter hinten und rings herum:

„Eine Bratwurst!“

„Drei Bier!“

„Nochne Bratwurst!“

 „Auch´n Bier!“

Die Bedienung, wahrscheinlich schon von dem Ansturm vor dem Spiel geschwächt: „Langsam, langsam!“

Von hinten: „Langsam geht ganich!“

Von weiter hinten: „Mach die Frau nicht wuschich!“

Die Grauhaarige legte zwei Bratwürstchen auf den Tresen.

Nun muss man wissen: Eine Bratwurst kostet 2,50 € und der Pfand für ein Bierglas (Plastik) betrug 50 Cent.

Von den beiden Jungs, die sich links von mir befanden, drückte einer der Dame einen Zwanziger in die Hand und verlangte 17,50 € zurück. Der andere gab ihr einen 5 Euro-Schein und ein Plastikglas und verlangte 3 € zurück.

Nun stand die Gute dort, hielt einen Zwanziger und einen Fünfer in der Hand: „Äh!“

Von weiter hinten: „Sisse, getz isset passiert! Und ich sach noch, mach die Frau nicht wuschich und getz – se is wuschich!“

Ihre suchenden Augen blickten irritiert und sie suchte einen festen Halt, den ich, als schon etwas lebensälterer Mensch, vielleicht sah ich auch nur seriös aus, weil ich nix rot-weißes an hatte, ihr bieten konnte.

Ich nickte: „Geben sie ihm 17,50 und dem 3 Euro und mir eine Bratwurst und ein Bier.“

So kam ich in den Genuss von Lebensmitteln und, wie war das Spiel ausgegangen? Ich weiß es nicht mehr – ist für mich auch nicht so interessant. Solche Szenen sind es allemal wert, ins Stadion zu gehen. Ich freue mich auf´s nächste Mal.

 

Harald Kaup

13.09.2013

 

 

 

Weihnachtsbaumkauf 2012  


 

Weihnachtsbaumkauf am 22.12.2012:


Wir hatten unseren Baumkauf strategisch geplant.

So gegen 13:00 Uhr wähnten wir die meisten Konkurrenten bei der Einnahme mitttäglicher Speisen.

 

Der erste Angriff erfolgte bei Güterslohs größtem Ausrüster für Hardcore-Tulpen- und sonstige Freunde. Begleitet von einem Anhänger kleineren Ausmaßes am Heck, sowie in einem weiteren Folgefahrzeug mit einem nicht unbeträchtlichen Teil der weiteren Familie als Besatzung, stachen wir in die Straße.

Wir brauchten zwei Bäume!

Opa, Oma, Vater, Mutter, Kind und Kind (letzteres in einem weiteren Fahrzeug), stürmte in breiter Linie die Eingangspassage und von dort ohne Umwege von Weihnachtssternen und ähnlich schnell vergänglichen Blütenzeugs direkt auf die Freifläche, welche diesjährig dem Tannenbaumverkauf vorbehalten war.

Nie werde ich das Gesicht der Familienmatriarchin vergessen, welches sich von einer ansonsten rosigen Gesichtsfarbe in ein fahles Graugrün wechselte. Und das in einer Geschwindigkeit, die einem Chamäleon zur Ehre gereicht hätte.

Auf der ganzen Freifläche gab es nicht einmal mehr zwei Dutzend Bäume! Sagte ich Bäume? Das pieksende Holzzeugs konnte wirklich nicht so bezeichnet werden. Eine junge Frau kam freudestrahlend mit einem solchen Teil am ausgestreckten Arm auf einen der beiden Verkäufer zugeeilt. „Den nehme ich!“

Ich konnte so gerade noch eine spontane Frage unterdrücken, wobei ich die Glückseelige fragen wollte, ob sie diese Karikatur eines Bäumchens aus Mitleid kaufen würde – weil es ansonsten unbeachtet in irgendeiner Ecke verdorren täte.

Der Familienrat beschloss augenblicklich, den nächstgrößeren Baumdealer unseres Vertrauens aufzusuchen.

Sagte ich augenblicklich?

Nun ja. Hat man schon mal versucht durch die immer direkt erst vor den Kassen beginnende Dekoabteilung mindestens eine Frau ohne finanzielle und zeitliche Verluste zu führen?

Und?

Ist es gelungen?

Nein – natürlich nicht!

Also an den Kassen warten und Tand mitschleppen!

Mehr oder weniger spontan führte unser Autokorso zum zweitgrößten Grünzeugdealer in Gütersloh. Durch die Erfahrung schlau geworden, auch hier gab es eine Dekoabteilung, lugte ich vorsichtig durch den Zaun, wobei ich über Ackerland musste und mir die Schuhe einsaute.

Die Freifläche war ebenfalls nahezu leer!

Irgendein Käufer hielt ein Etwas hoch, welches ich nur aufgrund der Nadeln erkannte, nicht wegen Größe oder gar Form. Ich ließ den Tross erst gar nicht aus den Fahrzeugen. Der Fahrer des Fahrzeugs Nummer 2 kannte einen Geheimtipp – auf der anderen Seite von Gütersloh.

Fahrzeug Nummer 2 fuhr voran.

Bei einem raschen Seitenblick während der Fahrt stellte ich bei meiner Gattin nervöse Schnappatmung fest. Außerdem meinte ich die wie in einer Beschwörungsformel immer wieder wiederholten Wörter „Wir kriegen keinen Baum, wir kriegen keinen Baum, wir…“ zu hören. Ich selbst schielte auf die Tankuhr. Hoffentlich reicht der Sprit, dachte ich. 

Beim Händler 3 sahen wir 2, in Worten >>zwei<< Bäumchen, ca. 90 cm hoch, bereits eingestielt auf dem Hof stehen. Der Händler selbst war nicht zu sehen, wahrscheinlich schämte er sich wegen des opulenten Angebotes.

Ich beschloss meine Einheit ein weites Stück zurück zu führen, ich hatte im Vorbeifahren einen Händler gesehen, bei dem ich mehr als ein halbes Dutzend durchaus gefälliger Tannen erspäht hatte.

Der Fahrer des Fahrzeugs Nummer 2 hatte meine Anweisung >>Folgen<< nicht ganz so interpretiert, wie es von mir gemeint war, ich sah ihn im Seitenspiegel in eine andere Richtung davonfahren.

Nicht gedient – daher verzeihlich!

Die folgenden sieben Minuten bis zum Erstkontakt verbrachte meine Ehefrau in vollkommener Agonie.  Weihnachten ohne Weihnachtsbaum - offensichtlich ein NO-GO.

Zwei Minuten vor der Schicksalswende sprach ich mit meiner Gattin den Angriffsplan durch. „Also ich bremse scharf seitlich des Händlers und wenn der Wagen gerade steht, springst du raus, erreichst  über die westliche Seite das Gelände und schnappst dir die erstbesten zwei Tannen, die nach Größe in Frage kommen, ungeachtet des Äußeren!“  

Ich sah, wie meine Frau mit der rechten Hand nach dem Türöffner und mit der linken nach dem Gurtschloss griff. Offensichtlich hatte die sich abzeichnende Katastrophe meine Frau gefügig gemacht – sie gehorchte!

So lief das ganze Prozedere beim Händler 4 wie ein Überfall ab, obgleich die schnelle Eingreiftruppe  wegen des Interpretationsfehlers mehr als 60 % der Kräfte eingebüßt hatte. Tatsache war jedoch, dass exakt 5 Tannen zur Verfügung standen. Zwei davon erklärten wir spontan als gekauft.

Dann zeigte sich, dass sich meine bessere Hälfte erstaunlich schnell erholt hatte und ohne das breite Grinsen im Gesicht des Dealers zu beachten fragte sie nach Prozenten, wenn wir denn gleich zwei Tannen nähmen.

Dabei war der restliche Stoßtrupp immer noch nicht auf dem Kampffeld erschienen!

Nach zähen Verhandlungen erreichte dann Fahrzeug Nummer 2 die Gefechtszone. Das überzeugte unseren gegenüber.

Wir bekamen Prozente und Glühwein!

 

Frohe Weihnachten an alle!

Harald Kaup

23.12.2012