Neuerscheinung 01.06.2021

58% mehr Inhalt als Neuland.

Dicker Einzelband, Klappentext und Beschreibung folgt.

 

1. Corry-766

 

 

15.01.4588, 14:30 Uhr, Asteroidengürtel, Frachter SALOME, Brücke:

 

Corry stellte die Kollisionswarnung ab und das wimmernde Heulen erstarb augenblicklich.

„Ich mache darauf aufmerksam, dass wesentliche Sicherheitsvorkehrungen abgeschaltet wurden“, sagte eine Automatenstimme.

„Ja, du Klugscheißer“, antwortete Corry heftig. Der Automat war manchmal lästig, aber auch hilfreich, wenn man ganz allein am Rande des RAVI-Systems mit einem Riesenfrachter unterwegs war. Die Raumfahrtpsychologen hatten herausgefunden, dass der gemeine MAANA, so nannten sich die Bewohner des Planeten RAMEE, wesentlich entspannter seinen Aufgaben nachging, wenn ein automatisches Bordsystem, also eine KI, mit ihm oder in diesem Fall, ihr, sprach. Das wäre auch dann der Fall, wurde standhaft versichert, wenn sich diese Person nur genervt fühle. Auch das wäre eine soziale Komponente, eine wichtige Interaktion, die man in ihrer Wirkung auf die Psyche nicht unterschätzen dürfe.

Anhand von Corrys Ausspruch könnte man vermuten, dass die 33-Jahre alte Captain und Pilotin der SALOME das völlig anders sah.

War auch so.

Aber so waren die Vorschriften.

Die SALOME war ein rechteckiger Körper mit einer Gesamtlänge von 520 Metern, die anderen Abmessungen des Quaders waren 30 x 30 Meter. Im Heck befand sich das gewaltige Triebwerk und der gesamte eben beschrieben Schiffs-Körper bestand aus Antriebssektion und Treibstofftanks. Vorne gab es einen halbkugeligen Aufsatz, der im Bereich der Brücke durchsichtig war und genauso oben, wo sich die Sozialräume der Pilotin befanden. Ansonsten enthielt diese Sektion auf engem Raum alles, was ein Mensch zum Überleben bei einer dreiwöchigen Flugreise benötigt.

Auch da waren Corrys Ansichten anders. Trotzdem liebte sie ihren Job. Sie holte Frachtkontainer mit seltenen Mineralien und Erzen ab, die hier von Robotstationen automatisch befüllt worden waren. Vor nicht ganz 25 Stunden hatten sie die fünfhundert Meter langen und 30 Meter mal 80 Meter messenden Metallkörper abgesprengt. Nicht jedes Mal wurden Leercontainer mitgeführt. Das lag daran, dass die Transporter, es gab sechs davon, für den Rückflug nur zwei zurücknehmen konnten – rechts und links am Schiffskörper befestigt.

Corry hatte vor, das zu ändern.

Noch niemals hatte ein Pilot versucht, mehr als zwei Container zu den Monden von RAMEE zurückzubringen.

Das galt auch schlichtweg als unmöglich. Vielleicht wurde es gerade deswegen auch nie probiert.

Den ersten Behälter auf seiner gesamten Länge passgenau magnetisch zu verankern, war schon eine heftige Nummer. Nummer zwei auf der anderen Seite, wenn 25% der Korrekturdüsen ausfielen, noch einmal mehr. Dabei war es bei dieser Methode völlig egal, ob die angedockten Container mit der breiten oder der schmalen Seite am Schiffsköper anlagen.

Corry wollte nicht weniger als vier Container mit zurücknehmen. Da jeder angedockte die Manövrierfähigkeit extrem beeinträchtigte, mussten die Behälter schon vorher parallel so zurechtgelegt werden, dass sie mit ihren Schmalseiten zur Mitte zeigten und dabei alle nicht mehr als 50 Meter auseinander lagen.

Cory hatte einen ganzen RAMEE-TAG, also 25 Stunden benötigt, um die Container so mitten im All auszurichten, dass sie genau in der Position lagen, die sie brauchte. Sie musste sich nun beeilen, denn Container 3, der an der Bauchseite, driftete ganz langsam weg. Corry schaltete die Aufzeichnungsgeräte ein. Zwar würde man anhand des Ergebnisses schon bemerkten, dass die rothaarige Lady, mit den gelockten, langen Haaren und grünen Augen, nicht nur mit ihren Sommersprossen, sondern auch mit vier statt zwei Containern über RAMEE ankommen würde.

Corry näherte sich von hinter in einer Geschwindigkeit, die zum Einschlafen einlud. Tatsächlich war die Frau schon über 30 Stunden auf den Beinen und nur die Aufregung hielt sie aufrecht. Innerhalb des Schiffes gab es eine Schwerkraft, die um die Hälfte geringer war als auf RAMEE. Mehr brachten die Geräte nicht hin und die Wissenschaftler der MAANA waren schon sehr stolz auf dieser Ergebnis. Corry konnte deswegen die täglichen Trainingseinheiten auf die Hälfte reduzieren. Dies war immer noch nötig und es war ebenfalls so, dass die Piloten nicht mehr als vier Flüge pro Jahr machten, im Falle Corry, durften.

Sie liebte ihr Leben hier draußen. Andere Leute gingen ihr bestenfalls auf die Nerven.

Es waren noch drei Kilometer bis zum Rendezvouspunkt. Die Pilotin sah mit wachsender Sorge, dass das Heck von Nummer drei etwas nach unten wegsackte. Sehr langsam zwar, aber das konnte alles zunichte machen.

Corry gab etwas mehr Energie auf den Antrieb und sie spürte, wie das Schiff wackelte. Ein leichtes Dröhnen kam hinzu und die Abstandsanzeige verringerte sich schneller. Was Corry da machte, war lebensgefährlich. Im Prinzip war die gesamte Raumfahrt bei aller Professionalität gefährlich, aber dieses Manöver besonders. Sollte sie havarieren, war Hilfe eventuell in zehn Tagen zu erwarten. Je nach Schwere des Schadens konnte sie die SALOME gleich als ihren Sarg betrachten.

„Ich erlaube mir, darauf hinzuweisen, dass die bevorstehende Aktion nicht über die aktuellen Sicherheitsstandards verfügt“, lamentierte die KI.

„Ist es verboten?“

„Nein. Allerdings muss auch nicht alles getan werden, was nicht verboten ist“, gab die KI zurück. Nach den vorliegenden Anflugdaten hatte diese wohl ermittelt, was Corry vor hatte.

„Ich fände es deutlich besser und meiner Konzentration zuträglich, wenn du ab jetzt die Klappe hältst!“

„Ich bin angehalten, meinen Rat in jeder Situation zur Verfügung zu stellen!“

„Ich brauche ihn nicht – deinen Rat!“

„Ich habe schon unter ganz anderen Captains gedient und jeder war froh, dass er auf mich zurückgreifen konnte.“

„Ach was! Ist mal einer mit vier Containern zurückgeflogen oder hat es nur versucht?“

„Nein!“

„Was ist, wenn ich das schaffe?“

„Vorausgesetzt, wir gehen nicht bei der Kollision mit den Frachtcontainern in den Offline-Modus, dann wird Corry-766 in die Geschichte der Raumfahrt eingehen.“

(Die Zahl nach dem Namen sagte aus, dass sie die 766te Corry war. Nachnamen gab es nicht.)

„Genau da will ich hin und nun halt die Klappe!“

Die KI war tatsächlich ruhig.

Der Abstand betrug noch 1.000 Meter und Corry bremste den Frachter leicht ab. Dann schaltete sie die Außenscheinwerfer ein. Wieder ging ein Vibrieren durch den Schiffskörper. Sie stand vor dem Problem, die SALOME perfekt zwischen die Container zu bringen. Sobald die seitlichen Korrekturtriebwerke in Höhe der Container waren, konnte sie diese nicht mehr benutzen. Ein Auseinanderdriften der Container wäre nach dem Abstoßungsprinzip die Folge. Und für einen zweiten Anlauf hätte sie nicht mehr genug Treibstoff. Es wäre dann schon ein Wunder, wenn sie mit zwei Containern nach Hause fliegen könnte. Corry konnte eine leichte Schweißbildung auf ihrer Stirn nicht vermeiden. Auf ihrem HUD wurden die Daten angezeigt. Container 3 driftete immer noch.

Perfekt“, murmelte sie, als sich ihr Frachter zwischen die Container schob.

„Keinesfalls“, lamentierte die KI schon wieder. Container 3 geht hinten aus der Parallelität und wir werden Container 2 touchieren.“

„Touchieren?“

„Wir werden den Container beim Vorbeiflug in Höhe der 250-Meter-Marke berühren.“

„Ist das schlimm?“

„Das Wegdriften von Contianer 3 ist problematischer.

Corry legte die Hände in den Schoß. Sie hatte jetzt alles getan und musste zusehen, wie sich ihre SALOME mehr oder weniger in Zeitlupe zwischen die Behälter quetschte. Wie vorausgesagt, übertrug die Außenhaut ihres Raumschiffes ab der 250 Meter-Marke ein nervenzerfetzendes Kreischen - etwa fünf Sekunden lang. Corry schaute auf die Instrumente. Der Container bewegte sich nicht, aber ihr Frachter, der wesentlich leichter war, also weniger Masse, war leicht vom Kurs abgekommen.

Noch passte es. Dann schrammte die SALOME auf der anderen Seite an den Behälter und das Prozedere wiederholte sich. Nicht gerade etwas für schwache Nerven, diese Geräusche.

„Schäden?“, bellte Corry.

„Meine Meinung ist wieder gefragt?“

„Du hältst die Klappe ja eh nicht. Sag schon!“

„Es hat Schrammen gegeben. Keine Undichtigkeiten.“

Die rothaarige Pilotin atmete auf. Noch war alles gut. Langsam schob sich der Frachter ganz zwischen den Container und Corry nutzte die vorderen Bremstriebwerke und gab leichten Gegenschub. Die SALOME wurde langsamer und hielt schließlich passend.

„Bisher möchte ich meine Glückwünsche übermitteln!“

Corry antwortete nicht, denn jetzt kam das Entscheidende. Sie musste die Energieanlagen hochfahren, mit denen der Magnetismus die Container veranlasste, sich an die SALOME anzuflanschen. Sie schaltete und schaute nach draußen. Der Blick in die Unendlichkeit war jedes Mal etwas Gigantisches. Es ließ sich nicht damit vergleichen, wenn man von RAMEE, wenn es denn sternenklar war, in der Nacht in den Himmel schaute. Hier draußen gab es keine Lichtverschmutzung. Das durchsichtige Aluminium war blendfrei und die Sterne und Sterneninseln seltsam klar und wie greifbar. Wie gerne würde sie dorthin. Aber das ging nicht. Die Wissenschaftler auf RAMEE hatten einfach mal akzeptiert, dass es keine Geschwindigkeit gab, die schneller als das Licht war. Die nächsten Sterne waren über zehn Lichtjahre entfernt und hatten sicherlich auch Planeten, aber sie waren für die hochentwickelte Technik der MAANA nicht zu erreichen. Es gab nur wenige Forscher, die an dieser Sache arbeiteten und das auch noch heimlich. Keiner von ihnen wollte als Phantast gelten. Ihr System war bis in alle Einzelheiten erforscht und auch zu den umliegenden Sternensystemen hatte man Beobachtungen angestellt. Aber die MAANA blieben auf RAMEE und das RAVI-System beschränkt.

Ein Piepsen holte Corry aus ihren Träumereien.

Die Energie für die magnetische Verriegelung der Container stand bereit.

Corrys Atem ging schneller.

„Ich messe eine höhere Herzfrequenz an“, tönte die KI.

„Wird ja jetzt auch spannend“, gab Corry genervt zurück.

Dann löste sie den ersten Impuls aus. Wachsam schaute sie auf die Abstandsanzeigen. Sie durfte keinesfalls zu viel Energie oder Dauerenergie geben, sonst würden die Container den Rumpf der SALOME zerquetschen.

Container 1 bewegte sich langsam auf die SALOME zu, oder die SALOME auf den Container? Wer wollte das schon sagen. Es war schwierig hier draußen exakt zu navigieren. Es gab Anhaltspunkt, die waren einfach zu weit weg. Sagen wir, Container 1 und SALOME näherten sich einander und die Abstände zu den anderen Behältern blieben annähernd gleich.

„Container 1 wird in sieben Sekunden andocken. Geschwindigkeit ist zu schnell“, warnte die KI, aber das hatte Corry auch schon gemerkt. Sie polte den Magnetismus um und gab die Hälfte der Energie von vormals frei.

„Container 1 wird in 17 Sekunden andocken. Aufprallgeschwindigkeit innerhalb normaler Parameter.“

Corry atmete auf. Nummer 1 war so gut wie sicher.

„Fünf - vier - drei - zwei - eins - ...“ Das letzte Wort der KI ging im Lärm unter. Corry fürchtete nichts so sehr, wie diesen Augenblick. Das Metall von SALOME und des ersten Behälters klatschten einfach aufeinander. Draußen im Raum würde man das selbstverständlich nicht hören, aber hier - Metall leitete Geräusche überragend. Ihr gefror das Blut in den Adern, als es laut und vernehmlich krachte. Sie wurde etwas durchgeschüttelt, aber weitere Alarmsirenen traten nicht in Aktion. Musste also gut gegangen sein. Eine grüne Lampe begann zu leuchten und zeigte an, dass Container 1 mit der SALOME verbunden war.

„Nummer 2 ist dran“, seufzte Corry und orientierte sich. Hier musste der Energieschub schon länger sein. Sie löste ihn aus. Die Aktion lief ab, wie ein Uhrwerk. Geradezu sanft schmiegte sich der Container an die SALOME und wurde verriegelt. Diese Aktion war nervenschonend für Corry, aber das Prozedere war noch nicht überstanden.

Es fehlten noch zwei. Der Schwierigste, Nummer 3, der von unten andocken sollte, musste zum Schluss bleiben. Die Abstände ließen nichts anderes zu. Mit zusammengekniffenen Lippen schätze Corry den Energieaufwand für Container 4 ab. Leider verhielt sich dieser anders, als erhofft. Mit viel zu viel Schwung kam er näher und Corry polte die Richtung wiederum um, während der KI sich in Warnrufen ergoss. Hatt Nr. 2 noch fast nicht hörbar angedockt, so knallte und schepperte es nun heftigst.

Drei waren angedockt.

Auch das wäre schon aller Ehren wert, aber Corry wollte vier!

„Ich muss warnen. Das Heck des Containers befindet sich außerhalb der Reichweite“, gab die KI wieder ihre Meinung dazu.

„Still jetzt“, sagte Corry. Die Lage war wirklich ungünstig. Vorn einen Abstand von etwa 30 Metern und achtern von 110. Sie versuchte es. Ein Energieausstoß, und der Container bewegte sich jetzt eindeutig auf die SALOME zu. Mit drei angedockten Behältern war die Masse des Schiffes sehr viel größer.

Nun wurde es spannend. Eine gewisse Restenergie musste sie auf der SALOME lassen, sonst würden die anderen Schürfcontainer wegdriften.

Es knallte, als Container 3 die Salome ziemlich weit vorn berührte. Über die Außenkameras versuchte die Pilotin, die Geschwindigkeit abzuschätzen, mit der das Heck des Containers auf die SALOME zukam.

„Das ist zu schnell“, warnte die KI.

Es nutzte nichts, die anderen Container würden wegdriften. Ganz im Gegenteil, kurz vor der Zusammenführung musste Cory noch einmal alle Energie auf die magnetische Verankerung geben, sonst würde der Ruck die anderen Behälter von der SALOME weg ins All befördern.

„KOLLISIONSALARM“, bellte die KI.

„Ich habe die doch abgestellt“, rief Corry.

„Nur den Alarmton“, versicherte die KI. „Ich gehe meiner Aufgabe weiterhin nach. Vorsicht! Hüllenbruch erwartet!“

Mit zusammengebissenen Zähnen beobachtete Corry die viel zu schnelle Annäherung von Nummer 3. Im letzten Augenblick gab sie alle Energie auf die magnetische Verankerung.

Dann ging ihre kleine Welt unter.